4 Wege, wie Sie Spannung aufbauen

Die Fantasy-Saga Harry Potter von J.K. Rowling, die Thriller der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson und der historische Roman Die Säulen der Erde von Ken Follett gehören ganz unterschiedlichen Genres an und richten sich an verschiedene Zielgruppen.

Obwohl die Leser so unterschiedlich sind, bewerten sie die Bücher auf ähnliche Weise, wie sich aus unzähligen Rezensionen auf Amazon herauslesen lässt. Ob eine Geschichte als spannend empfunden wurde oder nicht, wird dabei zum entscheidenden Kriterium.

Daher ist es von fundamentaler Bedeutung, verschiedene Strategien zu verinnerlichen, die Spannung erzeugen:

  1. Spannung durch Auslassung einer Ursache

Beispiel: Charles fiel tot um. Die Polizei kam und fand die zerbrochene Fensterscheibe.

Spannung kann auch durch die Auslassung einer Ursache erzeugt werden. Bei diesem Mittel Spannung zu erzeugen, muss die tatsächliche Reihenfolge der Ereignisse mit einem bedeutungsvollen Ereignis beginnen.

In der Darstellung des Geschehens kommt dieses allerdings zunächst nicht vor. Der Leser bekommt genug Informationen, um zu wissen, dass vorher etwas vorgefallen ist. So weiß der Rezipient nicht, warum Charles gestorben ist. Im Idealfall liest er weiter, bis er den Grund kennt.

Auf diese Art und Weise lenkt der Text die Aufmerksamkeit des Rezipienten auf das zurückliegende Ereignis. Diese Art der Spannung ist daher vergangenheitsbezogen.

Im weiteren Textverlauf erhält der Rezipient die ausgelassene Information, sodass der Leser das bedeutungsvolle Ereignis rekonstruieren kann und die Spannung aufgelöst ist.

Bei diesem Spannungstyp gibt es mehrere Möglichkeiten der Auflösung. Er könnte einen Herzinfarkt bekommen haben, ein Schuss könnte ihn getroffen haben sein oder es könnte einen anderen Grund geben.

  1. Dramatische Spannung

Im klassischen Fall der dramatischen Spannung möchte eine Person (bzw. eine Personengruppe) etwas unbedingt und hat Probleme es zu bekommen.

Dieses storytypische Grundelement setzt sich aus zwei Hauptkomponenten zusammen, aus dem unbedingten Willen und aus Hindernissen. Die Gedanken des Lesers kreisen um die Frage: Wird die Figur (bzw. Figurengruppe) es schaffen?

Dieses Spannungsmuster gilt auf der Makro- und auf der Mikroebene. So unterscheidet man übergeordnete und untergeordnete Ziele. Beim Versuch das jeweilige Ziel zu erreichen, treten Probleme auf.

Häufig führt die Bewältigung eines Problems zu neuen Schwierigkeiten und damit auch zu neuer Spannung. Dabei gilt immer die Formel: Je größer die Probleme sind, desto spannender ist in der Regel die Geschichte. Die Ernsthaftigkeit der Probleme nimmt mit Fortschreiten der Handlung zu.

  1. Spannung durch negative Ausgänge

Eine weitere Art, Spannung zu erzeugen, hängt von drei Faktoren ab:

  • gemochten Protagonisten
  • möglichen negativen Konsequenzen
  • Wahrscheinlichkeiten

So müssen gemochte Protagonisten von möglichen negativen Konsequenzen betroffen sein, damit der Rezipient einen negativen Ausgang befürchtet. Die Ausgänge können verschiedene Grade an Negativität besitzen: Tod, Verstümmelung, Folter, Verletzung, sozialer Abstieg, Verlust von Geld etc.

Beispiel: Der Scharfschütze positionierte sich auf dem gegenüberliegenden Dach. Charles erhob sich vom Stuhl und ging zum Fenster. Man hörte einen Schuss, das Fenster brach.

Der Rezipient antizipiert die negativen Ausgänge auf der Grundlage seines Wissens über die Welt. Im Idealfall sollte der Zuschauer davon überzeugt sein, dass der negative Ausgang eintritt.

So kann der Rezipient im gerade genannten Beispiel den negativen Ausgang ableiten, dass Charles von dem Schuss getroffen wurde und als Folge davon sterben wird. Beide Aspekte stehen nicht im Text und sind Ergebnis von Schlussprozessen des Rezipienten.

Die Spannung ist höher, je stärker der Rezipient glaubt, dass der negative Ausgang eintritt. Dabei gibt es eine Einschränkung. Die Glaubenswahrscheinlichkeit darf keine 100 Prozent betragen. Ist ein negativer Ausgang absolut sicher, erlebt das Publikum Trauer und Enttäuschung statt Spannung. Spannung stellt sich auch dann nicht ein, wenn Rezipienten vom Eintreten des gewünschten Ausgangs überzeugt sind.

Bei dieser Art Spannung zu erzeugen entspricht die Ereignis-Darstellung der tatsächlichen Reihenfolge der Ereignisse. Erst hat sich der Scharfschütze auf dem Dach positioniert, dann ging Charles vor das Fenster.

Die Spannung durch negative Ausgänge und die dramatische Spannung beziehen sich beide auf ein zukünftiges Ereignis. Bei beiden gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder tritt der negative Ausgang ein oder er tritt nicht ein, entweder erreicht der Protagonist sein Ziel oder nicht.

Spannungsverstärker

Es gibt verschiedene Möglichkeiten Spannung zu verstärken. Zwei seien beispielhaft vorgestellt.

  • Point of View. So ist es zum Beispiel spannender, wenn ein Experte eine Situation als gefährlich einschätzt, als wenn es ein Außenstehender dies tut.
  • Was steht auf dem Spiel? Als Faustregel scheint zu gelten, dass ein höherer Einsatz zu gesteigerter Spannung führt. Deshalb geht es in vielen Geschichten nicht nur um das Schicksal einzelner Figuren, sondern um das Schicksal der gesamten Menschheit.
  • In der Mitte der Romane von Ken Follett sprechen die Figuren häufig mit einer Figur von höchstem Rang. Zum Beispiel gibt es eine Audienz beim König. So erhalten die Ereignisse in der Geschichte höchste Wichtigkeit.
  1. Pawlowscher Hund

Zwingerhunden reagieren mit Speichelfluss, sobald sie die Schritte ihres Herrchens hören. Der mit dem Nobelpreis gekrönte Mediziner und Verhaltensforscher Iwan Petrowitsch Pawlow beobachtete dieses erstaunliche Phänomen und belegte damit folgende These:

Wenn eine Glocke wiederholt in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit dem Anbieten von Futter ertönt, reagiert ein Hund schließlich auf den Ton mit Speichelfluss, ohne dass Futter angeboten wird. Das bedeutet: Auf einen angelernten Reiz folgt eine konditionierte Reaktion.

Pawlows Erkenntnisse lassen sich auf die Wirkung von Texten und Filmen übertragen. So können die Zuschauer im Film konditioniert werden. Zum Beispiel ertönt in Der weiße Hai eine einprägsame Melodie, als der Hai das erste Mal zuschlägt. Im Laufe des Films sieht man Szenen, in denen die Meeresoberfläche spiegelglatt ist und die Sonne vom Himmel lacht, was eigentlich eine Wohlfühl-Atmosphäre erzeugen sollte, wie man sie aus einem Werbespot für eine Kreuzfahrt durch die Karibik kennt.

Doch dann erklingt die Melodie aus der eingangs erwähnten Szene. Und allein diese Tonfolge versetzt den entspannten Rezipient in Spannung. So folgt auch bei der Rezeption eines Films auf einen angelernten Reiz eine konditionierte Reaktion.

Einmal konditioniert, kann ein Reiz wieder aufgegriffen werden. Zum Beispiel könnte die Melodie von Der weiße Hai auch in anderen Filmen gespielt werden. Der Rezipient würde ähnlich reagieren wie auch beim Original.

Aspekte

Spannung auf der Mikro- und Makroebene

Spannung kann sich auf der Mikro- und auf der Makroebene ansiedeln. Eine Mikrofrage bezieht sich auf eine kurze zeitliche Dauer in einem Text. Das kann eine Szene, eine Sequenz oder ein Kapitel sein. Makrofragen betreffen den gesamten Film oder Buch.

Zwei Beispiele: Wird James Bond die Verfolgungsjagd überleben? Wer war der Mörder?

Die erste Frage betrifft eine kurze zeitliche Einheit. Sie hat nur zwei mögliche Auflösungen und ist zukunftsgerichtet. Die zweite ist eine typische Makrofrage von Kriminalromanen. Sie bezieht sich auf die Vergangenheit und bietet mehrere mögliche Auflösungen.

Retardation

Nachdem in einem Film oder Buch Spannung aufgebaut wurde, tauchen häufig Text- oder Filmpassagen auf, die nichts zur Auflösung der Spannung beitragen. Als solche retardierenden Momente (auch dramatische Pause genannt) dienen zum Beispiel Informationen zum Setting, zum Hintergrund, zum Kontext oder zu Details innerhalb der Textwelt.

Häufig baut der Text in einem Handlungsstrang Spannung auf. Anschließend verlagert sich die Geschichte zu einem anderen Strang, ohne den vorangegangenen aufzulösen.

Kriminalromane beginnen mit einem spannungsauslösenden Mord, dessen Auflösung am Ende erfolgt. Das zwischengefügte Text- oder Film-Material kann selbst wieder Spannungen aufbauen mit jeweils eigenen retardierenden Abschnitten.

Bei jedem Spannungstyp können zwischen dem auslösenden Ereignis und der Auflösung retardierende Passagen eingefügt werden. Retardation kann sich über weite Teile des Textes erstrecken.

Quellen

Dieser Post gibt einige Aspekte der Spannungsforschung überblicksartig wieder.

Brewer, William F. und Edward H. Lichtenstein. ≫Stories are to entertain: A structural-affect theory of stories≪. In: Journal of Pragmatics 6 (1982), S. 473–486.

Carroll, Noel. ≫The Paradox of Suspense≪. In: Suspense. Conceptualizations, Theoretical Analyses, and Empirical Explorations. Hrsg. von Peter Vorde- rer, Hans J. Wulff und Mike Friedrichsen. Mahwah, New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates, 1996, S. 71–91.

Engel, Patrick. Spannung in verschiedenen Grundtypen der Detektivliteratur. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2008.

Wulff, Hans J. ≫Textsemiotik der Spannung≪. In: Kodikas/Code 16.3-4 (1993), S. 325–352.

Zillmann, Dolf. ≫Anatomy of Suspense≪. In: The entertainment functions of television. Hrsg. von Percy H. Tannenbaum. Hillsdale, New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates, 1980.

Zillmann, Dolf. ≫The Psychology of Suspense in Dramatic Exposition≪. In: Suspense. Con- ceptualizations, Theoretical Analyses, and Empirical Explorations. Hrsg. von Peter Vorderer, Hans J. Wulff und Mike Friedrichsen. Mahwah, New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates, 1996, S. 199–231.

http://ken-follett.com/suspense/index.html

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