Aktive Figuren

Leser und Zuschauer bewerten ein Werk auf der Grundlage einer Reihe von Faktoren. War das Buch spannend? Habe ich gelacht? Habe ich geweint? Gab es etwas Innovatives? Das sind nur einige Kriterien, die Zuschauer bewusst oder unbewusst heranziehen.

Als entscheidendes Kriterium zur Bewertung nennt Dolf Zillmann den aktiven Protagonisten. Sollte ein Werk eine passive Figur zeigen, so wird es in der Regel als unbefriedigend eingestuft — unabhängig davon, ob es ansonsten spannend, innovativ, emotional oder ähnliches war.

Was ist ein aktiver Protagonist? In Geschichten gibt es häufig eine Figur, die etwas unbedingt erreichen möchte, wobei Hindernisse den Weg zum Ziel markieren. Bei dieser Konstellation handelt es sich um das klassische Quest-Motiv. Im Text muss der Figur Gelegenheit gegeben werden, ihre Aktivität unter Beweis zu stellen.

Skyfall

Zu Beginn des Blockbusters Skyfall befindet sich James Bond während einer Verfolgungsjagd auf dem Beifahrersitz eines Jeeps. An einer Stelle reißt er das Steuer rum und rammt den Gegner, dessen Wagen sich überschlägt. James Bond und sein Gegner verlassen daraufhin beide ihre Fahrzeuge, die Jagd geht auf dem Motorrad weiter.

Damit übernimmt er Kontrolle über die Situation. Er macht den entscheidenden Schritt, um den gegnerischen Wagen zu stoppen und erweist sich als aktiver Protagonist. Gleichzeitig gibt die Fahrerin die Kontrolle ab.

Tiefe

Lars Tobiasson-Svartman ist der Protagonist in dem Roman Tiefe von Henning Mankell. Er ist Schiffstechniker bei der schwedischen Marine. In einer Szene befindet sich der Protagonist im Dienstzimmer eines ihm höher gestellten Militärs, der einen Brief zu Ende schreiben möchte, bevor er sich dem Protagonisten zuwendet. Während er darauf wartet, dass der Leutnant sein Anliegen anhört, kommt folgender Einschub:

The clock on the wall was two minutes slow. He could not resist standing up, opening the glass case and adjusting the minute hand \autocite[323]{Depths}.

Gegen die Gepflogenheiten, die sich aus der militärischen Hierarchie ergeben, erweist sich der Protagonist hier als aktive Figur. Die Uhr bei seinem Vorgesetzten ungefragt einzustellen, benötigt große Willenskraft.

Eine aktive Figur zeigt sich häufig dadurch, dass sie gegen die Regeln und Anweisung höherer Stellen handelt. Daraus lässt sich ableiten, dass Regeln u.a. eingeführt werden können, damit eine Figur sich als aktiv erweisen kann.

Titanic

Am Ende des Films Titanic von James Cameroon treibt die weibliche Protagonistin fast erfroren auf einem Stück Holz zwischen bereits erfrorenen Leichen. Ein Rettungsboot kommt, um nach weiteren Überlebenden Ausschau zu halten. Rose sehen sie nicht, drehen sich um und fahren wieder weg. Als Rose dies bemerkt, schwimmt sie mit letzter Kraft zu einem erfrorenen Mann, der im Wasser treibt.

Aus kalten Lippen nimmt sie eine Trillerpfeife, bläst hinein und macht die Leute im Rettungsboot auf sich aufmerksam. Diese drehen sich um und fahren zu Rose. Hätten die Leute im Rettungsboot sie gefunden, ohne dass sie etwas zu ihrer Rettung beiträgt, so wäre es eine schwächere Szene gewesen, weil es der Protagonistin an Aktivität mangelt.

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