Toni Erdmann

Meine Tochter hat keine Zeit mehr für mich. Ich habe mir jetzt eine Tochter aus Ungarn gemietet, die ist sehr günstig und macht mir auch die Nägel.

Meine Schildkröte ist gestorben. Ich bin jetzt 55 Jahre alt und hatte sie mein ganzes Leben lang. Sie hatte einen Herzinfarkt.

Winfried Conradi kommt nach Bukarest und stattet dort seiner Tochter Ines einen unerwarteten Besuch ab. Sie macht in einer Consultant-Firma Karriere, arbeitet den ganzen Tag und wirkt unglücklich. Ihr Vater kommt zu ihren Firmenevents, zu Gesprächen mit Kunden und auf ihre Partys mit Kollegen. Zum Teil lädt sie ihn ein, zum Teil taucht er dort unaufgefordert auf.

Dabei inszeniert er sich als Fremdkörper, indem er dort mit einer schmierigen Perücke auftaucht, indem er sich zugleich ein riesiges Gebiss aus Plastik einsetzt und die Menschen aus der Business-Welt mit seltsamen Storys zuquatscht, von denen ich oben zwei aus aus meiner Erinnerung wiedergegeben habe.

Assoziationen zum Film

Der Film hat mich inspiriert, darüber nachzudenken, was Film sein kann und was ein Film leisten muss. Das klingt jetzt hochtrabend, philosophisch und intellektuell. Deshalb muss ich auf Folgendes hinweisen: Während ich diese Verse schreibe, schwänke ich kein Glas mit Rotwein, ich sitze nicht vor einer ledernden Bücherwand mit Goethe und Schiller, ich schaue nicht nachdenklich ins Leere vor mir, um das treffende Wort zu finden usw. Um ehrlich zu sein, kratze ich mir am Arsch, während ich diese Verse schreibe. Also, was ich mochte:

Realitätsillusion

Der Film machte einen realistischen Eindruck. Die Kameraführung, die Perspektive der Bilder und die Wahl der Bildausschnitte entsprechen nicht dem normalen Film. Wenn der Postbote klingelt, muss man ewig warten, bis sich die Tür öffnet. Normalerweise würden solche Verzögerungen nicht im Film auftauchen, weil er verdichtet ist. Und es gibt authentische Dialoge. Figuren versprechen sich. Sie verstehen nicht genau, was der andere sagt, und fragen noch mal nach.

Wenn man einen Schauspieler wie Brad Pitt oder George Clooney auf der Leinwand sieht, dann ruft dies dem Zuschauer direkt ins Bewusstsein, dass es sich um eine ausgedachte Geschichte handelt statt um die Realität. Ihre bloße Anwesenheit führt dem Zuschauer fortlaufend den fiktionalen Charakter des Films vor Augen. Daher war es gut, dass ich von den Schauspieler keinen einzigen kannte.

Die „Struktur“ der Geschichte

Der Film ist unsystematisch und ziellos. Er beginnt an einer beliebigen Stelle und hört  irgendwo mehr oder weniger zufällig auf, ohne dass sich von abgeschlossener Handlung oder Ähnlichem sprechen ließe.

In einem normalen Film hätte die Protagonistin am Ende gekündigt und wäre glücklich geworden, aber hier ist das nicht so. Im Gegenteil, sie gelangt durch ihren Wechsel zu McKinsey in eine höhere Liga innerhalb der Beraterwelt. Ob sie am Ende glücklich ist oder nicht, weiß der Zuschauer nicht. Das könnte man dem Film vorwerfen.

Es gibt also kein inhaltlich begründetes Ende. Den Schluss erkennt der Zuschauer nur daran, dass der Abspann kommt und der Film aufhört. Aber wenn man sich fragt, ob der Film ein normales Ende hätte liefern können oder sollen oder dürfen oder müssen, dann muss man dies entschieden zurückweisen.

Denn sonst wäre es eine Standard-Geschichte geworden, wie wir sie schon tausendfach gesehen haben — Kitsch, der einen angeekelt, bis der Herpes die Augen zuwächst, wie die Rosen das Schloss in Dornröschen. (Was ich mit anekeln meine, kann man sich gut klarmachen, wenn man die ersten 15 Minuten von The Cut von Fatih Akin anschaut (auf keinen Fall weiter gucken).)

Dass sich der Film vom normalen Film abgrenzt, scheint ihm bewusst zu sein. Es gibt da diese Szene, wo der Vater von der Tochter aus der Wohnung geschmissen wird und sie sich während des Rauswurfs am Fuß verletzt. In einem normalen Film hätte eine solche Verletzung die Figuren wieder zusammengeführt, der Vater wäre dann doch bei ihr in der Wohnung geblieben bla bla bla, weil sie aufeinander angewiesen wären und so. Hier schmeißt sie ihn trotzdem raus. Das mag ich.

Obwohl der Film ziellos ist, gibt der Film dem Zuschauer alles, was er von einem guten Film erwarten. Wir lachen und weinen (fast). Und wir denken nach und stehen unter Schock, wenn die Tochter vor ihrem Vater eine Line Kokain zieht. Es gibt den Tod und Brüste, es gibt Muschis sowie schlaffe und steife Schwänze. Alles ist da, es erscheint nicht wie in einem HD-Hochglanz-Porno und wird nicht durch so etwas wie eine Geschichte gerechtfertigt, sondern taucht einfach so auf. Aber das ist ja gerade das Schöne daran.

Anmerkungen

Was ist ein normaler Film? Wenn ich von normalem Film spreche, dann meine ich hochfrequente Muster, die dem Zuschauer bekannt sind und auf deren Grundlage er Erwartungen aufbauen kann. In einem Krimi erwartet man ein Verbrechen und, dass es aufgelöst wird. In einem Hollywood-Film erwartet man ein Happy End. (Was nicht heißt, dass ein solches Ende notwendigerweise eintreten muss.)

Wer sind wir? Wenn ich wir sage, dann verallgemeinere ich von mir auf alle anderen. Dieser Schluss ist nicht legitim und jedem anderen würde ich ihn übel nehmen. Bei mir selbst drücke ich diesbezüglich ein Auge zu.

Arrival

In dem Film Arrival von Denis Villeneuve landen eine Reihe von Ufos in verschiedenen Ländern der Erde. Die Wissenschaftlerin aus den Sprachwissenschaften soll Kontakt zu den Außerirdischen aufnehmen und herausfinden, was diese wollen. Was ich an dem Film mag:

Die Ufos

Es sind keine fancy Ufos mit 1.000 Knöpfen und Lampen. In Arrival sind sie schlicht und simpel gehalten und haben eine einfache Form. Sie wirken so, als hätte Apple ihr Design entwickelt.

Die Aliens

Ich wähle Filme allein danach aus, ob sie eine gute Bewertung bei Rotten Tomatoes haben oder nicht. Um so unvoreingenommen wie möglich in einen Film hineinzugehen, lese ich vorher keine Kritiken. Ich ignoriere Werbetrailer, Plakate und so weiter.

Als mir klar wurde, dass es sich um einen Film mit Aliens handelt, bekam ich Angst. Ich hatte die Befürchtung, dass die Aliens so schleimige Wesen sind, die dem Film jede Ernsthaftigkeit rauben. Das war unbegründet. Arrival deutet die Wesen nur im Nebel an und umgeht somit dieses Problem.

Ein doppelter Hitchcock

Erstens. Wann immer eine Zeitbombe in einem Film auftaucht, von der die Figuren nichts wissen, muss man an Hitchcock denken. Denn das ist sein klassisches Beispiel für den Aufbau von Spannung: Leute sitzen um einen Tisch herum, unterhalten sich angeregt und unter dem Tisch tickt eine Zeitbombe, von der niemand etwas mitbekommen hat.

Zweitens. Das Ufo kommt und der Zuschauer wird Zeuge, wie sich auf der Welt eine gefährliche Eigendynamik entwickelt. Der chinesische General Shang will angreifen, andere Staaten ziehen nach und wieder andere wollen dies vermeiden. Der Film zeigt, wie sich das Militär irrational in etwas hineinsteigern, was andere Staaten dazu zwingt, zu reagieren.

So deutet sich ein Konflikt an, der die Welt ins Chaos stürzen könnte. Aber eigentlich gibt es keinen Grund dafür, denn die Aliens machen nichts, außer zu existieren und mit der amerikanischen Wissenschaftlerin zu kommunizieren. Sie sind friedlich und stellen keine Gefahr dar.

MacGuffin-Definition nach Wiki: „MacGuffin (auch: McGuffin) ist der von Alfred Hitchcock geprägte Begriff für mehr oder weniger beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein.“

Das Motiv der Aliens

Die Spezies kommt zur Erde, um der Menschheit ein Geschenk zu geben, das in 3.000 Jahren dazu führt, dass die Menschen die Spezies retten kann. Das Geschenk ist ihre Sprache, die die zeitliche Dimension aufhebt.

Es verwischen Vorher und Nachher. Das Konzept von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird aufgehoben.

Das Menschliche und die Moral

In Arrival befinden sich Staaten im Konflikt. Es geht um Irrationalität, um abstrakte Kategorien wie Zeit, um Sprachwissenschaft.

Und trotzdem hat der Film emotionale Momente. Wie muss es sein, wenn man seine Tochter in jungen Jahren verliert und wenn der Partner einen deshalb verlässt.

Die Gleichzeitigkeit von Vorher und Nachher verstärkt den Effekt. Denn die Frau weiß, dass ihre Tochter nur wenige Jahre leben wird, bevor dieses zur Welt kommt.

Und dadurch ergibt sich eine moralische Dimension: Darf man ein Baby austragen, wenn man weiß, dass es mit sieben Jahren sterben wird?

Das Ende

Die Wissenschaftlerin versteht die Sprache der Aliens und hebt dadurch die Zeit auf.

Sie kann in die Zukunft blicken und erhält dort die Telefonnummer von General Shang. Dieser gibt ihr seine Nummer, weil er erstaunt ist, dass sie angerufen hat und sich an die Nummer nicht mehr erinnert. Damit eröffnete Arrival einen angenehmen Brainteaser.

Ein ähnliches Ende gibt es übrigens in einem Band der Harry-Potter-Reihe: Harry Potter versucht einen Zauberspruch, der ihm bisher noch nie gelungen ist. Der Spruch gelingt ihm nur, weil er in die Zukunft reist und sich selbst dabei beobachtet, wie er ihn bei seinem Versuch erfolgreich hervorbringt. Dadurch bekommt er das nötige Selbstvertrauen, um den Spruch auszuführen. Aber das nur am Rande.

Fazit

Es ist ein toller Film, weil er intellektuell reizt, weil er moralische Fragen aufwirft und darüber hinaus das fundamentale Bedürfnis nach emotionalen Film-Momenten bedient.