In dem Film-Klassiker Casablanca hat der Barbesitzer Rick seinem Pianisten Sam verboten, das Lied As Time Goes By zu spielen. Der Zuschauer fragt sich, warum der Chef das nicht will, und wartet gespannt auf die Auflösung.

Diese Art der Spannung baut sich über Handlungen auf. Eine Figur tut etwas. Leser und Zuschauer können den Grund dahinter nicht erkennen und fragen, warum die Figur das macht.1 Es gibt mehrere Varianten.

Beispiel: »Und du«, sagte er über die Schulter zu ihr, »du gehst schlafen, Meggie.« Dann zog er ohne ein weiteres Wort die Tür der Werkstatt hinter sich zu.
Meggie stand da und rieb die kalten Füße aneinander. Du gehst schlafen. Manchmal warf Mo sie aufs Bett wie einen Sack Nüsse, wenn es wieder mal zu spät geworden war. Manchmal jagte er sie nach dem Abendessen durchs Haus, bis sie atemlos vor Lachen in ihr Zimmer entkam. Und manchmal war er so müde, dass er sich auf dem Sofa ausstreckte und sie ihm einen Kaffee kochte, bevor sie schlafen ging. Aber nie, niemals zuvor hatte er sie so ins Bett geschickt wie eben.

In dieser Passage aus Tintenwelt von Cornelia Funke wäre es dem Leser nicht aufgefallen, dass etwas ungewöhnlich ist. Er merkt es erst dadurch, dass der Text diese Variante des Ins-Bett-Bringens als Ausnahme-Erscheinung einstuft. Und dann entsteht Spannung mit der Frage, warum Mo sie diesmal so ins Bett gebracht hat.

Komplexe Formen der Was-will-die-Figur-Spannung

Spannung Der Vorleser

Neben diesen einfachen Fällen gibt es auch komplexere Varianten. In Der Vorleser von Bernhard Schlink gibt es eine Reihe von Handlungen, die für den Leser nicht nachvollziehbar sind und deshalb Spannung auslösen:

  • Der Schüler Michael Berg und die erwachsene Frau Hanna Schmitz haben eine Affäre. Sie machen eine Fahrradtour und schlafen auf einem Gasthof. Am nächsten Morgen geht Michael eine Rose kaufen. Hanna schläft und bekommt nicht mit, wie er das Zimmer verlässt. Er kommt zurück, sie ist wütend und prügelt mit einem Gürtel auf ihn ein.
  • Ihr Chef bietet Hanna an, sie zu befördern. Statt die neue Position anzunehmen, zieht Hanna in eine andere Stadt.

Statt sich zu freuen, schlägt Hanna Michael mit dem Gürtel. Statt den Job anzunehmen und mehr Geld zu verdienen, verlässt Hanna die Stadt. Beide Handlungen sind kontraintuitv und werfen die spannende Frage nach dem Warum auf.

Im zweiten Teil studiert Michael Jura und besucht mit seinem Professor und anderen Studenten eine Verhandlung vor Gericht. Mehreren KZ-Wärterinnen wird vorgeworfen, Zwangsarbeiterinnen nicht aus einer Kirche gelassen zu haben, als diese anfing zu brennen. Die KZ-Häftlinge sind fast alle gestorben.

  • In der Verhandlung erfahren wir, dass Hanna auch bei Siemens eine Beförderung angeboten wurde. Hanna kündigt und nimmt ihre Stelle im KZ an.
  • Hanna hat nicht die Anklage und Berichte der Zeugen gelesen. Und das, obwohl darin schwere Anschuldigungen gegen sie erhoben werden.

Hanna verstößt mit ihrem Verhalten gegen die Erwartungen des Lesers. Warum nimmt sie Beförderungen mehrfach nicht an und flieht sogar davor? Warum schlägt sie ihren Liebhaber, als er eine Rose kauft? Warum liest sie nicht die Anklageschrift und die Zeugenberichte, obwohl es um eine lange Gefängnisstrafe geht?

Alle Verstöße gehen auf eine Ursache zurück: Hanna kann nicht lesen und möchte nicht, dass es jemand bemerkt. Der Leser will den Grund für ihr seltsames Verhalten erfahren und ist damit in Spannung versetzt.

  1. Sternberg (1978), S. 50