Der Bestseller Code: Die DNA von Bestsellern

Im Vergleich zum Menschen kann ein Computer eine Vielzahl von Büchern auf einmal lesen. Ein Code könnte im Verlag eingesandte Manuskripte in kurzer Zeit auswerten. Bei klar definierten Kriterien für Bestseller wäre er schneller und objektiver als ein Agent oder Lektor. Und er wäre günstiger.

Einen solchen Code haben Jodie Archer und Matthew L. Jockers entwickelt. In ihrem Buch Der Bestseller Code: Was uns ein bahnbrechender Algorithmus über Bücher, Storys und das Lesen verrät verraten sie, was Bücher ausmacht, die es auf die Bestseller-Liste der New Times schaffen.

Die Zutaten für einen Bestseller

Jodie Archer arbeitete als Lektorin in London und New York. Sie machte ihren Doktor zum Thema Bestseller. Professor Matt Archer ist eine Ikone, wenn es darum geht, mit Computern Texte auszuwerten. Den Autoren zufolge machen diese Punkte Bestseller aus:

  • Bei Sex ist weniger mehr: Bücher mit viel explizitem Sex schaffen es meist nicht in die Bestseller-Liste. Ausnahmen bestätigen die Regel.
  • Hunde funktionieren besser als Katzen.
  • Zwei bis drei Themen machen zusammen genommen ein Drittel eines Bestsellers aus. Wer über alles auf einmal schreibt, schafft es nicht auf die Bestseller-Liste. (Bei bekannten Autoren behandeln zwei Drittel der Bücher Themen, die von Buch zu Buch wechseln. Das Signature-Thema deckt ein Drittel ab. Diese thematische Ausrichtung erwarten Leser auch.)
  • Alltagsmomente sind wichtig. Dazu zählen zum Beispiel Unterhaltungen, Fernsehgucken und durch die Straßen gehen. Sie machen bei John Grisham etwa vier Prozent aus. Bleiben solche Passagen aus, verringert sich die Chance auf Erfolg.
  • Menschliche Nähe (human closeness) ist der entscheidende Punkt. Nicht nur mit dem Partner. Auch Shoppen mit der Mutter, Angeln mit dem Vater oder ein Bier mit dem besten Freund gehören dazu.
  • Der Leser muss auf den ersten 40 Seiten gefesselt werden, sonst liest er nicht weiter.
  • Leser wollen echte Menschen an echten Orten statt Zwerge, Orks und Raumschiffe. Fantasy schafft es nicht so häufig in die Bestseller-Liste wie Geschichten, die näher an der Realität sind.
  • Figuren lösen aktiv ihre Probleme, sie sind nicht zögerlich sondern packen zu. Häufig überleben sie dramatische Situationen.
  • Am erfolgreichsten sind kurze und einfache Sätze, die ohne unnötige Wörter auskommen und sich an der Alltagssprache orientieren.

So arbeitet der Algorithmus

Der Code sucht nach Mustern im Text. Er vergleicht Bestseller und erfolglose Büchern unter anderem in Bezug auf die prozentuale Verteilung bestimmter Wörter, Wortarten, Satzzeichen und grammatischer Konstruktionen: Ein Indikator könnte sein, ob in einem Bestseller mehr Adjektive vor Nomen stehen wie zum Beispiel in teurer Porsche.

Themen bestimmt er so: Stößt der Algorithmus auf Nomen wie Auge, Mund, Hand und Kopf, so kann es sich um einen Tatort oder eine Liebesszene handeln. Stehen im direkten Umfeld Wörter wie Kuss, atmen, Bett, Rhytmus oder Feuer, dann geht der Algorithmus von einer romantischen Passage aus.

Der Algorithmus sollte aus 5000 Büchern 500 New York Times Bestseller bestimmen. Der Algorithmus hat 400 Bestseller und 3600 Bücher, die es nicht in die Liste geschafft haben, richtig zugeordnet. Damit lag er in 80 Prozent der Fälle richtig.

Vorhersage statt Retrodiktion

Ob der Algorithmus das traditionelle System bei der Auswahl von Büchern tatsächlich schlägt, bleibt zu bezweifeln. Um nachhaltig zu überzeugen, reicht kein retrodiktives Verfahren – ein Verfahren also, bei dem der Algorithmus Bestseller aus der Vergangenheit bestimmt.

Der Algorithmus müsste zuverlässige Voraussagen über die Zukunft liefern. Er müsste Erfolge von Büchern vorhersagen, die noch nicht veröffentlicht wurden. (Vorherzusagen, dass ein Buch nicht funktioniert, reicht hier nicht, da das ohnehin sehr wahrscheinlich ist und fast immer korrekt wäre.)

Experiment und Realität

Und das ist eine komplexere Aufgabe als in dem Setting der beiden Autoren. Denn der Erfolg eines Buches wird nicht allein durch den Inhalt bestimmt, den der Algorithmus ja ausschließlich analysiert.

Ob ein Buch auf einem eigenen Tisch im Eingang der Buchhandlung präsentiert wird, ob es im Feuilleton und in Blogs positive Rezensionen bekommen hat oder ob es ein aktuelles gesellschaftliches Thema aufgreift, kann sich genau so auf den Erfolg auswirken wie die Frage, ob der Autor bereits Bestseller geschrieben hat oder nicht. Faktoren wie diese blendet der Algorithmus allerdings aus, schreiben die beiden Wissenschaftler.

Banale Ergebnisse und unrealistische Ausgangssituation

Man mag Teile der Ergebnisse für banal halten. Dass verschachtelte Sätze, inaktive Protagonisten und Bücher mit schwachem Anfang wenig Erfolg haben, wussten eh schon alle.

Auch dass der Code eine Trefferquote von 80 Prozent aufweist, klingt zunächst vielversprechend. Berücksichtigt man allerdings die realen Marktbedingungen, so relativiert sich das Ergebnis wieder. Denn mit Glück verbirgt sich dort in Tausenden von Büchern ein Bestseller (statt 500 in 5000).

Damit lassen sich fürs Erste auch Sorgen und Ängste auflösen, dass Lektoren und Agenten wegrationalisiert werden könnten.

5 von 5 Sternen

Obwohl das Buch zum Teil nur alte Ratgeber-Weisheiten bestätigt und der Algorithmus mit diversen Herausforderungen zu kämpfen hat, würde ich Der Bestseller Code jedem empfehlen, der sich gerne mit Literatur beschäftigt. Durch Beschreibungen wie zwei Drittel von diesem und vier Prozent von jenem bietet es eine frische Perspektive auf Bücher und ist dabei einfach, verständlich und unterhaltsam geschrieben.

(Das Buch erschien am 27. Juli 2017 bei Plassen.)

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