Details, die Leser in Geschichten ziehen

Wer das Ziel verfolgt, seine Leser in eine Geschichte hineinzuziehen, der sollte ihm unter anderem das Gefühl geben, dass die Geschichte real ist (auch wenn es sich um einen Fantasy-Roman handelt). Eine Möglichkeit, diese Realitätsillusion zu erzeugen bzw. zu verstärken, ergibt sich aus einer konkreten und detailreichen Beschreibung der Textwelt. Dabei sind einige Punkte zu beachten.

Abstraktheit vs. konkrete Details

Die Illusionsbildung wird erleichtert, wenn der Text konkret ist. Statt eine Formulierung wie Sie machten eine Luxusreise durch Amerika zu wählen, sollte der Autor konkrete Details dieser Luxusreise beschreiben.

Wenn der Leser von einem Whirlpool und von Jakobsmuscheln als Vorspeise liest und dem Rockstar liest, den die Reisenden im Fahrstuhl ihres Hotels getroffen haben, wird er selbst darauf kommen, dass es sich um puren Luxus handelt.

Dass sie in Amerika sind, wird er erkennen, wenn Städte wie New York, Los Angeles, Washington etc. oder Orte wie Times Square, Hollywood etc. genannt werden. Viele konkrete Details wird der Leser zu einer geistigen Einheit wie Luxusreise in Amerika verschmelzen.

Klischeevermeidung durch zusätzliche Details

Ein häufiges Problem ist, dass zwar ein Detailreichtum besteht, dass es sich bei diesen Details allerdings um Klischees und abgegriffene Standard-Fälle handelt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dies zu vermeiden.

Im Film Der Baader Meinhof Komplex vom Regisseur Uli Edel wird in einer Szene die Dekadenz der Elite dargestellt. Den Polizeibeamten wird eine Hummersuppe serviert. Dem Zuschauer wird unmittelbar klar, dass es sich um ein teures Essen handelt und dass sich hier das Establishment versammelt. In der Szene wird ein Element herausgegriffen, dass der Leser mit gehobenem Lebensstil assoziiert. Zum eigentlichen Klischee gehören die Elemente allerdings nicht. Anders als zum Beispiel Kaviar und Champagner, gegen die sich die der Filmemacher entschieden hat.

Standard-Situationen können durch Zusatzelement aufgewertet werden. In Fargo von den Coen-Brothers küsst ein Mann seine Freundin zur Verabschiedung und diese sagt, Jetzt habe ich Marmelade an der Wange. In dem Film finden Polizeibeamte eine Leiche mit einem Loch im Kopf, was der Normalfall ist. Da sie sich die Hand vor den Kopf gehalten hat, um sich zu schützen, hat sie zusätzlich ein Loch in der Hand. Damit ist der Standardfall in einen Nicht-Standardfall überführt worden.

Man kann die Details auf Klischeehaftigkeit prüfen, indem man zum Beispiel fragt, woran jemand bei wohlhabendem Lebensstil denkt. Wenn er sofort mit Champagner und Kaviar antwortet, dann weiß man, dass es sich um ein Klischee handelt. Umgekehrt verhält es sich mit der Hummersuppe. Als Leser würde sie einem nicht als typisches Element einfallen. Sobald sie allerdings im Text erwähnt wird, entfaltet sie dahingehend ihre Wirkung.

Weitere Möglichkeiten der Realitätsbildung

Der Titel des Buchs Das siebte Kreuz führt ein Element in den Text ein, dass eine textweltinterne Bedeutung besitzt, die der Leser nicht kennt: nämlich das siebte Kreuz. Die Bedeutung einzelner Details kann für die Geschichte zentral sein, wie in dem genannten Werk. Sie kann allerdings auch nicht weiter von Belang sein und sich nur als Ausbau der Welt erweisen. In beiden Fällen verstärkt sie die Realitätsillusion.

In Der Schwarm von Frank Schätzing dienen unter anderem (wissenschaftliche) Differenzierungen dazu, den Text real erscheinen zu lassen. Bei Buckelwalen gibt es Residents, die in einer Region verweilen, und Transients, die durch die Weltmeere schwimmen:

Etwa ein Dutzend Grauwale sind immer vor der Westküste, das ganze Jahr hindurch. Sie sind zu alt, um noch die strapaziösen Wanderungen anzutreten. Wenn die Herden aus dem Süden eintreffen, werden die Alten wieder aufgenommen, mit Begrüßungsritual und allem Drum und Dran (Der Schwarm, S. 225).

Die Biographie einer Figur der Textwelt kann anekdotisch ausgebaut werden wie in Tintenherz von Cornelia Funke:

Ich hoffe, er bekommt eine Lungenentzündung, dachte Meggie. Er musste ja nicht gleich daran sterben wie die Mutter ihrer Englischlehrerin \autocite[15-16]{Tintenherz}.

Der französische Autor Roland Barthes schreibt, dass die Einführung zunächst irrelevant erscheinender Details die Illusionsbildung begünstigen können. Dies zeigen Beispiele aus Tiefe von Henning Mankell.

Er … war dreiundzwanzig Zentimeter größer als sie \autocite[8]{Tiefe}.

Das Mädchen schlief auf dem Rücken, mit offenem Mund \autocite[158]{Tiefe}.

Sie nahm seine Hand und zog ihn in das Zimmer, das mitten in der Wohnung lag, das wärmste Zimmer im Winter, das kühlste im Sommer \autocite[231]{Tiefe}.

In diesen Bereich gehören auch Beschreibungen des Wetters, wobei hier gilt, dass der Autor standardmäßiges vermeiden sollte wie in dem Roman Der Schwarm von Frank Schätzing:

…während er an Li vorbei aus dem großen Panoramafenster aufs Tal blickte. Die Sonne lag auf den Zedern und Tannenwäldern \autocite[442]{fS04}.

Die Details brauchen nicht besonders umfangreich beschrieben werden. Häufig genügt ein kurzer Satz. Auch oder Teil- und Nebensätze können eine realitätsstiftende Wirkung entfalten.

Für die Illusionsbildung sind Details innerhalb der Textwelt wichtig. Diese sollten eher konkret ausfallen, gleichzeitig sollten sie nicht zu abgegriffen sein. Klischees können unter anderem vermieden werden, indem der Autor einer ursprünglich standardmäßigen Szene zusätzliche Details hinzufügt. Die Realitätsillusion kann auch durch zunächst irrelevant erscheinende Details hervorgerufen werden.

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