Erwartungen von Lesern

Leser und Zuschauer bilden eine Reihe von Erwartungen, bevor sie ein Buch lesen oder einen Film sehen. Während der Rezeption können diese sich verändern. Die Erwartungen vor dem Lesen oder Zuschauen speisen sich aus verschiedenen Quellen.

Vor-Erwartungen

Sie können sich ergeben aus Berichten von Freunden, Bekannten und den Medien. Dabei kann es sich um einfache Bewertungen handeln wie „gut“ oder „schlecht“, um inhaltliche Aspekte, den Einsatz stilistischer Aspekte etc. Diese Art der Erwartungsbildung unterliegt Dynamiken, die sich kaum kontrollieren und vorhersehen lassen.

Erwartungen können sich darüber hinaus aus dem Genre ergeben. In einem James Bond Film erwartet man nicht, dass der Agent seine Feinde mit einer Motorsäge zertrennt oder dass die Gegner von 007 als Zombies aufwachen und weiterkämpfen. Beides sind Aspekte, die eng mit einem anderen Genre, dem Horrorfilm verknüpft sind.
Erwartungen können durch den Autor geprägt werden. Bei den Coen-Brothers hofft man auf Humor. Bei einem Film von Quentin Tarantino erwarten die meisten Zuschauer Gewaltszenen, politisch inkorrekte Sprache und Handlungen sowie stilistische Innovationen oder einen Mix von Stilen.

Schauspieler führen zu Erwartungen. In Sex and the City spielt Kim Catrell  eine Frau mit häufig wechselnden Partnern, die sich als sexuell experimentierfreudig erweist. Dieses Wissen des Zuschauers wird in Der Ghostwriter von Polanski ausgenutzt. Ihre bloße Anwesenheit führt dazu, dass der Film eine sexuelle Komponente erhält, was dann durch ihre Kleidung und ihren Auftritt zusätzlich begünstigt wird.

Erwartungen, die sich bei der Rezeption ergeben

Die Erwartungen, die sich einstellen, bevor das Publikum mit einem Werk konfrontiert wird, können während der Rezeption durch die Entwicklungen innerhalb der Textwelt bestätigt, widerlegt und/oder ausgebaut werden. Das kann von Anfang an oder zu späteren Zeitpunkten geschehen.

Erwartungen können auch innerhalb der Textwelt aufgebaut werden. In Leathal Weapon explodiert zu Beginn eine Tankstelle. Damit setzt der Film den Erwartungsrahmen für jede weitere Actionszene. Ohne die Explosion würden anschließende Verfolgungsjagden etc. anders wahrgenommen werden. Die erwarteten Folgen wären kleiner dimensioniert. Die anfängliche Explosion veranlasst den Rezipienten, auch bei kleineren Actionszenen drastische Entwicklungen zu erwarten — auch wenn diese nicht notwendigerweise eintreten.

In dem Film Der Geschmack von Rost und Knochen ist der Protagonist ein Straßenkämpfer, die Protagonistin arbeitet als Trainer in einer Walshow mit Orcas. Nach etwa einem Drittel springt plötzlich ein Weißwal aus dem Wasser, erfasst die Protagonistin, der beide Beine amputiert werden.

Der Zuschauer nimmt die folgenden Straßenkämpfe des Protagonisten intensiver wahr und glaubt, dass der Kämpfer jeden Augenblick schwerverletzt werden oder sterben könnte. Ab diesem Augenblick kann alles passieren, die Möglichkeit einer plötzlichen Katastrophe ist mental verankert.

So besitzt die Weißwal-Szene eine Fernwirkung innerhalb des gesamten Films. Ohne diese Szene würde der Zuschauer die Wahrscheinlichkeit, dass der Protagonist zu Schaden kommt, deutlich geringer einschätzen. Und das, obwohl der Unfall nichts mit den Straßenkämpfen zu tun hat.

Der Walunfall verändert damit nicht nur den Raum negativer Möglichkeiten sondern er erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse. Ohne die Szene würden die Kämpfe ganz anders wahrgenommen werden.

In Der Geschmack von Rost und Knochen ist die Wirkung stärker, weil sie zusätzlich zur Dimensionalisierung auch die Möglichkeit erlaubt, dass sich plötzlicher Wendepunkte eintritt. Letzteres ist in Leathal Weapon nicht gegeben, weil die Szene dort direkt zu Beginn steht.

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