Spannung Königsallee

Beispiel. Der Aufruhr im Breidenbacher Hof war groß. Das Grand Hotel befand sich im Ausnahmezustand.

So fängt der Roman Königsallee von Hans Pleschinski an. Der Leser fragt sich, warum in dem Düsseldorfer Nobelhotel der Ausnahmezustand herrscht. Auf der gleichen Seite erfährt der Leser, dass in der Nähe eine Fliegerbombe liegt.

Etwas geschieht in der Geschichte, der Leser oder Zuschauer interpretiert es als Wirkung und fragt nach dem Warum.1 Dass es eine Ursache gibt, sagt der Text nicht explizit. Der Leser denkt sich das und ist gespannt, was der Grund ist.

Im weiteren Verlauf einer Geschichte gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Text löst die Spannung auf, kurz nachdem er sie aufgebaut hat. Oder die Geschichte hält und verstärkt die Spannung über weite Strecken des Textes. So wie im internationalen Bestseller Ghost vom englischen Erfolgsautor Robert Harris.

Warum-Spannung auf Makro-Ebene

Wenn der Text die Ursache nicht direkt auflöst, bleibt der Leser gespannt. In diesem Fall sucht der Leser aktiv im Text nach Informationen, die Rückschlüsse auf die Ursache erlauben.

McAras Tod

Beispiel. McAra hatte am vorletzten Sonntag … die letzte Fähre von Woods Hole, Massachusetts, nach Martha´s Vineyard erwischt. Es stand auf Messers Schneide, ob die Fähre überhaupt ablegen würde. Seit dem frühen Nachmittag hatte es heftig gestürmt und einige Überfahrten waren schon gestrichen worden. Gegen neun Uhr abends flaute der Wind jedoch etwas ab, und um Viertel vor zehn entschied der Kapitän, dass keine Gefahr mehr bestehe. Das Boot war überfüllt: McAra hatte Glück, dass er überhaupt noch einen Platz für seinen Wagen bekam. Er parkte unter Deck und ging dann nach oben, um etwas frische Luft zu schnappen.
Danach hat ihn niemand mehr lebend gesehen.  (Ghost, S. 14.)

Am Anfang von Ghost von Robert Harris stirbt McAra. Er sollte die Memoiren von Adam Lang schreiben, dem fiktiven Ex-Primeminister von England. Unter seiner Führung soll eine britische Spezialeinheit Landsleute an die CIA ausgeliefert und die CIA soll diese gefoltert haben. Die Medien sind voll mit Berichten, Lang dementiert.

Spannung Ghostwriter

Wenn es kein Thriller wäre und wenn McAra 92 Jahre alt wäre und in einem Altenheim gelebt hätte, dann würde sich der Leser denken, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist. Da gäbe es nicht viel zu überlegen.

In Ghost fragt der Leser sich allerdings, warum McAra tot ist. Ist es, weil er einen Unfall hatte? Weil er ermordet wurde? Oder war es Selbstmord? Einen natürlichen schließt der Leser wegen des Orts und dem unterstellten Alter aus.

Unfall oder Selbstmord?

Im weiteren Verlauf der Geschichte erhält der Leser Informationen, die Rückschlüsse auf die unterschiedlichen Ursachen zulassen. Da sich die Passagen über fast 200 Seiten erstrecken, konzentriere ich mich hier auf die wichtigsten.

Beispiel: [Rick (der Agent des Ghostwriters):] Marty Rhinehart [der Eigentümer der Verlags, P.H.] hat zehn Millionen Doller für die Memoiren bezahlt, unter zwei Bedingungen. Erstens: Sie müssen binnen zwei Jahren in den Läden stehen. Zweitens: Er soll in Sachen Krieg gegen den Terror kein Blatt vor den Mund nehmen. Was ich so höre, ist er [McAra] weit davon entfernt, auch nur eine der beiden Bedingungen zu erfüllen. Um Weihnachten rum stand die Sache so schlecht, dass Rhinehart ihm sein Ferienhaus auf Martha’s Vineyard zur Verfügung gestellt hat, damit Lang und McAra ungestört arbeiten konnten. Schätze, der Druck war zu viel für McAra. (Ghost, S. 9-10.)

Der Satz Die Sache stand schlecht und eine Belastung bei der Arbeit legen einen Selbstmord nahe. Schätze, der Druck war zu hoch für ihn  lässt darauf schließen, dass Rick von einem Selbstmord ausgeht.

Beispiel. [Rick:] Mit dem Alkohol, den der amtliche Leichenbeschauer in seinem Blut festgestellt hat, hätten sie ihm den Führerschein vier Mal klemmen können. (Ghost, S. 15.)

Diese Passage legt einen Unfall nahe. Aber Alkohol kann auch bei einem Selbstmord eine Rolle spielen. Deshalb sind hier Unfall und Selbstmord angetriggert.

Beispiel. [Protagonist:] Also Unfall?
[Rick:] Unfall? Selbstmord?  …  Wer kann das wissen? Was spielt das für eine Rolle? (Ghost, S. 15.)

In einem Gespräch mit seinem Agenten geht es um den Tod von McAra. Durch die Spekulationen über Unfall und Selbstmord stehen diese beiden Gründe im Fokus der Aufmerksamkeit. Der Mord bleibt weiterhin im Hintergrund.

Beispiel. Die Reling war nur hüfthoch, und zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie leicht McAra über Bord gegangen sein konnte. Ich musste mich festhalten, um nicht auszurutschen  …
Das Wetter war heute nicht annähernd so schlecht wie vor drei Wochen. (Ghost, S. 57.)

Der Protagonist fährt mit der Fähre, auf der McAra das letzte Mal gesehen wurde. Das tiefe Geländer, Rutschgefahr und die schlechten Wetterbedingungen schieben einen Unfall als mögliche Ursache ins Zentrum.

Beispiel. [Amelia (Assistentin von Lang):] Aber es hat gereicht, dass er, als er schließlich wieder aufgetaucht ist, völlig überarbeitet und ausgepowert war  …  er hat einfach den Überblick verloren. Anscheinend hat das eine krankhafte Depression ausgelöst  …  (Ghost, S. 91.)

Zurück zum Selbstmord. Überarbeitet, kraftlos, überfordert und depressiv. Diese Passage legt einen Selbstmord nahe.

Alle Interpretationen basieren auf einer Alltagspsychologie.2 Ob psychologische Modelle aus der Wissenschaft auch einen großen Zusammenhang diesbezüglich sehen, ist dabei unerheblich. Denn es geht darum, was der Leser denkt.

Dass er an einem Mord gestorben sein könnte, thematisiert der Text nicht. Das Genre Thriller begünstigt den Mord. Diese Möglichkeit kann nicht ausgeschlossen werden und schwingt latent mit.

Mord

Beispiel. [Älterer Herr:] Völlig ausgeschlossen, dass die Strömung den [die Leiche von McAra] so weit nach Westen getrieben hat. Nicht um diese Jahreszeit. (Ghost, S. 206.)

Boom. Mit diesen Informationen fallen Unfall und Selbstmord weg. Beide sind damit nicht vereinbar.

Beispiel. [Älterer Herr:] Annabeth  …  Sie hat der Polizei das von den Lichtern erzählt.
[Protagonist:] Lichtern?
[Älterer Herr:] Die Lichter am Strand, in der Nacht, als die Leiche angeschwemmt wurde.
[Protagonist:] Was für Lichter waren das?
[Älterer Herr:] Von Taschenlampen, nehme ich an. (Ghost, S. 207.)

Dass Annabeth dort in der Nacht Menschen gesehen, ist verdächtig. Spätestens jetzt glaubt niemand mehr, dass McAra tot ist, weil er Selbstmord begangen oder einen Unfall gemacht hat.

Beispiel: [Protagonist:] Könnten Sie mir sagen, wie ich von hier zu Mrs. Wurmbrands Haus komme?
[Älterer Herr:] Klar, sagte er, Macht aber nicht viel Sinn, wenn Sie da jetzt vorbeischauen.
[Protagonist:] Warum?
[Älterer Herr:] Weil sie letzte Woche die Treppe runtergefallen ist. Liegt seitdem im Koma. Arme Annabeth. Ted meint, dass sie nicht mehr zu Bewusstsein kommt. (Ghost, S. 208.)

Wenn jemand stürzt und im Koma liegt, lässt sich unter normalen Umständen nicht auf einen Mord schließen. In diesem Zusammenhang ist es anders. Passiert das aber der einzigen Zeugin in einem verdächtigen Todesfall, verstärkt das den Eindruck, dass etwas faul ist.

Beispiel. Ich hob mein Fahrrad auf, schwang mich auf den Sattel und folgte dem Weg weiter, der hinunter in die Bucht führte  …
Konnte das stimmen? Hatte sie wirklich Lichter gesehen? Eines war sicher: Von den Fenstern im oberen Stock hatte man einen guten Blick auf den Strand. (Ghost, S. 208–209.)

Diese Passage bestätigt die Möglichkeit, dass die Frau die Lichter tatsächlich gesehen hat. Wenn der Leser mögliche Vergehen der Regierung, Spezialkräfte und das CIA in seine Überlegungen mit einbezieht, so kann er sich leicht ausmalen, dass der Sturz doch kein Zufall war.

Leserführung in Ghost

Über den Text verteilt bekommt der Leser Informationen, die verschiedene Interpretationen nahelegen:

  • Unfall: ein niedriges Geländer, Rutschgefahr an Deck, der Alkoholgehalt im Blut, wegen schlechtem Wetter viele Fähren an dem Tag ausgefallen.
  • Selbstmord: Druck, Überarbeitung, Erschöpfung, Depression, Alkohol.
  • Mord: der Fundort, Licht am Strand, es gibt nur eine Zeugin und die liegt im Koma.

Am Anfang haben das Wetter, die niedrige Reling und viele andere Informationen eine Rolle gespielt. Die Möglichkeit eines Unfalls und Selbstmords schienen real. Rückblickend erweisen sie sich die Informationen als irrelevant. Die einzige Möglichkeit ist der Mord.

  1. Sternberg (1978), S. 50.
  2. Minsky (1975), S. 261.