Am Anfang des Films Babel spielen zwei Kinder in Afghanistan mit einem alten Gewehr. Vor dem inneren Auge des Zuschauers öffnet sich ein dramatisches Szenario. Was, wenn eine Kugel losgeht. Da kann ja alles passieren.

Mit möglichen negativen Konsequenzen Spannung aufzubauen, gehört zum Standard-Repertoire erfolgreicher Autoren und Regisseure. Wie sie das Kopfkino auf diese Weise anschalten, erkläre ich im Post Wie Dan Brown, J.K. Rowling & Co. Spannung aufbauen.

Jetzt zeige ich an Star WarsDer Schwarm und vielen anderen Filmen, Büchern und Serien, wie man einmal aufgebaute Spannung ins Unermessliche steigern kann.

Weitere Gefahren ergänzen

Bisher war es so, dass es eine Gefahr gab. Um die Spannung zu steigern, können mehrere Gefahren den Protagonisten gleichzeitig bedrohen.1 Die Wahrscheinlichkeit, dass die Figuren unbeschadet aus der Situation herausgeht, verringert sich und die Spannung wird intensiver.

Spannung TintenherzIn Tintenherz von Cornelia Funke fliehen die Protagonisten Meggie und ihr Vater Mortimer Folchart vor dem Antagonisten Capricorn, der sie gefangen nehmen möchte. Bei der Flucht kommen sie durch die Wildnis, wo Schlangen leben. Zwei Bedrohungen tauchen also unabhängig voneinander auf.

Mehr als zwei unabhängig voneinander auftretende Gefahren sollte man vermeiden, da dies aus der Sicht der Leser unplausibel erscheint. Um mehr als zwei gleichzeitige Gefahren zu erzeugen, kann man es wie in Der Schwarm machen.

Dort löst der menschenfeindliche Antagonist Yrr eine Explosion aus. Diese führt zum Sinken des Flugzeugträgers, auf dem sich die Gruppe befindet, die die Welt vor Yrr retten möchte.

Durch die Explosion entstehen in einzelnen Räumen des Schiffes zusätzliche Gefahren: Chemikalien laufen aus, Brände entstehen, weitere Explosionen geschehen, wodurch Gegenstände herunterfallen und umherfliegende Helikopter abstürzen, was wieder zu schnellerem Sinken führt. So erscheinen eine Reihe von Gefahren plausibel, weil sie auf einer Ursache basieren.

Figuren versuchen, negative Konsequenzen abzuwenden

Nachdem eine negative Konsequenz eingeführt ist, beginnen die Gegenhandlungen der Figuren.2 Der Autor kann eine Reihe von Techniken nutzen, um die Spannung zu steigern.

Vom Regen in die Traufe

In dem ersten Film von Star Wars fliehen die Droiden R2-D2 und C-3PO vor Angreifern, die auf sie schießen. Sie entkommen in einen anderen Raum, dessen Wände wie eine Müllpresse zusammenfahren und drohen, sie zu zerquetschen. Das dahinter stehende Prinzip: Wenn eine Figur die Gefahr abwendet, ergibt sich neues Problem.

Rettungspläne erklären

In Argo stürmen die Anhänger des neuen Regimes im Iran die amerikanische Botschaft und nehmen 60 Angestellte gefangen. Ein paar entkommen und tauchen unter. Der CIA-Agent Mendez soll sie aus dem Land schleusen.

Der Plan sieht vor, eine Hollywood-Produktion in Teheran vorzutäuschen, bei der die Geflohenen als kanadische Schauspieler fungieren und nach dem Ende der Drehzeit zurück nach Amerika fliegen. Der CIA-Mann stellt viele kleine Teilschritte detailliert vor, bei denen die Gruppe auffliegen kann.

Eine Szene spielt auf einem Markt. Die Figuren geben vor, den Ort zu besuchen, weil er als möglicher Drehort für den Film gehandelt wird.

Die Geflohenen müssen sich in der Szene mit dem neu eingesetzten Kultusminister treffen. Auf dem Markt starren Leute die Gruppe an, reden über sie und machen Fotos von ihnen.

Der Zuschauer kann die Möglichkeit nicht ausschließen, dass es sich dabei um Aktivitäten des iranischen Regimes handelt und glaubt, dass die Amerikaner jeden Moment auffliegen, was die Spannung steigert.

Nachdem der Zuschauer die wahrscheinliche negative Konsequenz und den Plan kennt, kann der Film alles daran setzen, die negative Konsequenzen zu aktivieren und die Wahrscheinlichkeit eines negativen Ausgangs aus der Sicht der Zuschauer zu erhöhen.

Damit erzeugt dieser Abschnitt ein Maximum an Spannung. Rückblickend erweist sich die Interpretation als falsch, dass die Leuten  zum Regime gehören.

Nachdem eine mögliche negative Konsequenz in dem Film etabliert ist, können Ziele und Pläne von Figuren formuliert werden. Bei der Ausführung der einzelnen Schritte fragt sich der Rezipient, ob der Plan schiefgeht oder nicht.

Gescheiterte Versuche als Hoffnungskiller

In Alive haben eine Reihe von Menschen einen Flugzeugabsturz in den Anden überlebt und sitzen in etwa 4000 Meter Höhe in einem von Schnee bedeckten Gebirge fest. Sie ernähren sich vom Fleisch der Leichen, das langsam zu Ende geht.

Ihr Plan und ihre einzige Möglichkeit ist, dass die fittesten Männer die Anden durchqueren und Hilfe holen. Drei der Gruppe machen sich auf den Weg. Nach kurzer Zeit kehren sie um . Einer erfriert fast, einer wird schneeblind, nur der dritte kommt unversehrt von der gescheiterten Mission zurück.

Als Leser denkt man: Oh Gott, sie werden es nie schaffen, die Anden zu druchqueren. Und deshalb werden sie hier in den Bergen sterben. Gescheiterte Versuche können dazu führen, dass der Leser vom Eintreten der negativen Konsequenz überzeugt ist.

Gescheiterte Versuche verschärfen das Problem

Spannung Breaking BadIn 9. Episode der 2. Staffel von Breaking Bad befinden sich die beiden Protagonisten in der Wüste und wollen in ihrem Wohnmobil Crystal Meth herstellen.

Irgendetwas fängt Feuer, das Fahrzeug ist nicht mehr fahrtüchtig. Als Kurzschluss-Reaktion nimmt eine der beiden Figuren einen Kanister und schüttet das Wasser auf das Feuer. Walt kommt mit einem Feuerlöscher aus dem Wohnmobil, aber da ist es schon zu spät. Der Vorrat an Wasser ist aufgebraucht und sie drohen zu in der Hitze zu verdursten.

Eine Figur versucht, ein Problem zu lösen, und verschärft es dabei nur. Zuerst ging es nur um das Drogen-Brennen, nun geht es ums nackte Überleben. Denn sie sind mitten in der Wüste und es gibt keine Möglichkeit dort wegzukommen. Mit dem Wasser hätten sie wenigstens ein wenig Zeit gewonnen.

Ernsthaftigkeit, Lösung erschweren, Einsatz erhöhen

Um die Spannung weiter zu steigern, kann sich die Ernsthaftigkeit der Probleme mit Fortschreiten der Handlung steigern, das Erreichen des Ziels schwerer werden und das, was auf dem Spiel steht, sich erhöhen.

(Bildnachweis: Breaking Bad (Season 2) – AMC)

  1. Junkerjürgen (2002), S. 290
  2. Wulff (1993), S. 335