Thematisch-argumentative Story-Elemente

In Die Verurteilten von Stephen King wird ein Insasse nach 50 Jahren Haft entlassen. In dem Supermarkt, in dem er anschließend arbeitet, findet sich diese Nebenfigur nicht zurecht. Das Einräumen von Regalen, der Umgang mit Kunden etc. überfordert diesen lange von der Gesellschaft abgeschotteten Ex-Gefangenen. Er begeht Selbstmord.

Für die Gesamthandlung besitzt dieser Strang keine Relevanz und es handelt sich um eine Nebenfigur. Die Szene fügt sich allerdings thematisch in den Film und ist als sozialer Kommentar zu lesen. Während es sich in Die Verurteilten um ein untergeordnetes Ereignis handelt, kann auch ein Gesamtwerk thematisch-argumentativ organisiert sein.

Verschiedene Gründe können dazu führen, dass Elemente in einer Geschichte aufgenommen werden: Dass sie für den Verlauf der Geschichte relevant sind, dass sie Ereignisse und Handlungen plausibilisieren etc. Eine Entscheidungshilfe ist ein thematisch-argumentatives Kriterium, wodurch einzelne Passagen und gesamte Werke organisiert werden können. Da ich diesen Punkt lange nicht verstanden habe, möchte ich ihm diesen Post widmen.

In Wer die Nachtigall stört von Harper Lee geht es um das Thema „Rassismus“. Im Amerika der 1930-er Jahre steht ein schwarzer Farmarbeiter vor Gericht, weil er eine weiße Frau misshandelt und vergewaltigt haben soll. Als Beweis dient das zerschlagene Gesicht des vermeintlichen Opfers.

Der Schwarze wird in zahlreichen Szenen als hilfsbereit und aufrichtig dargestellt. Die weiße Frau ist einsam, lebt dagegen in einem verwahrlosten Haus hinter einer Müllkippe und nutzt mit ihrer Familie die staatliche Unterstützung aus, wo es nur geht. Ihr Vater ist Alkoholiker.

Im Laufe der Verhandlung zeichnet sich neben der Vergewaltigung eine alternative Interpretation ab. Die Frau wollte den Farmarbeiter verführen. Ihr Vater hat sie erwischt und geschlagen. Dann hat er den Sheriff gerufen und es als Vergewaltigung dargestellt. Die Verletzung in ihrem Gesicht besteht am rechten Auge, was der Schwarze schon deshalb nicht gemacht haben konnte, weil sein linker Arm deformiert und funktionsuntüchtig ist. Der Vater dagegen ist Linkshänder. Als er die „Vergewaltigte“ Tochter findet, ruft er keinen Arzt, um die Verletzungen dokumentieren zu lassen, weil das bei einem Preis von 5 Dollar zu kostspielig wäre.

Obwohl der Vorwurf der Vergewaltigung aus der Luft gegriffen scheint, wird der Schwarze verurteilt. Das Wort eines Weißen Alkoholikers zählt mehr als eines aufrichtigen Schwarzen, der schon aus körperlichen Gründen die Tat nicht begangen haben kann. Bei der Entscheidung wird die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe höher gewichtet als die Wahrheit. Die Auswahl der Figuren und Handlung und damit des gesamten Werks ist allein thematisch-argumentativ bedingt. Sie sollen den Rassismus entlarven und keinen Spielraum für andere Deutungen zulassen.

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