Spannung Harry PotterWenn Voldemord in der Harry-Potter-Reihe die Macht ergreift, macht er die Menschen zu Sklaven. Er will sie foltern und in Todescamps stecken. Ähnliches würde den Figuren in Der Herr der Ringe passieren, wenn Sauron den Zauber-Ring bekommt und dadurch die Weltherrschaft an sich reißt.

Harry PotterDer Herr der Ringe, Illuminati und viele andere Bestseller und Blockbuster haben ihren internationalen Erfolg der Spannung zu verdanken.

Der einfachste Weg, intensive Spannung zu erzeugen, ergibt sich aus negativen Auswirkungen, die die Hauptfigur(en) einer Geschichte treffen können.

Suspenseful drama features such events as bombs about to explode, dams about to burst, ceilings about to cave in, fires about to rage, ocean liners about to sink, and earthquakes about to rampage. It features people about to be jumped and stabbed, about to walk into an ambush and get shot, and about to be bitten by snakes, tarantulas, and mad dogs. The common denominator in all of this is the likely suffering of the protagonists. It is impending disaster manifest in anticipated agony, pain, injury, and death.1

Eine Reihe verschiedener Techniken bieten sich an, um Leser und Zuschauer auf eine mögliche negative Konsequenz aufmerksam zu machen.

Der Fantasy auf die Sprünge helfen

Spannung IlluminatiEin Ereignis veranlasst den Leser, eine negative Konsequenz zu erschließen, die (noch) nicht explizit im Text auftaucht. Der Text erzählt ein Ereignis, dass als Ursache für ein anderes dient.2

Beispiel: Der Physiker Leonardo Vetra roch brennendes Fleisch, und es war sein eigenes.

Dieser erste Satz stammt aus dem Bestseller Illuminati von Dan Brown. Der Leser kann die negative Konsequenz erschließen, dass der Physiker Leonardo Vetra verbrennen wird. Dass die Figur verbrennen könnte, steht bis zu diesem Zeitpunkt nicht im Text. Es ist reines Kopfkino. Dieses zukünftige Ereignis steht in einem Ursache-Wirkung-Beziehung zu dem, was explizit im Text steht. Im Text wird eine Ursache beschrieben, die negative Konsequenz fügt der Rezipient der Textwelt hinzu.

Ein Exempel statuieren

Am Anfang von Scream wird ein Teenager ermordet. Damit wissen wir Zuschauer, was allen anderen Figuren bevorstehen kann. Statt einfach nur zu sagen, dass ein Mörder da ist, stirbt am Anfang direkt eine Figur.

Jede Figur könnte das nächste Opfer sein. Negative Konsequenzen werden auf andere Figuren übertragen. Eine Gefahr wird also verallgemeinert.

Praktische Konsequenz: Wenn sich eine negative Konsequenz bisher an keiner Figur realisiert hat, kann man eine Figur dafür opfern. Steht dafür gerade keine zur Verfügung, so kann man extra für diesen Zweck eine einführen. Im Idealfall hat der Zuschauer eine Beziehung zu ihr aufgebaut, die nicht notwendigerweise positiv sein muss. In der 2. Staffel von 24 nervt eine Figur, weil sie alles überkorrekt macht. Dann stirbt sie. Es hätten auch alle möglichen anderen Figuren sterben können. Aber der Tod einer Figur, zu der der Zuschauer eine Beziehung aufgebaut hat, wirkt immer stärker.

Konsequenzen explizit im Text

Wenn eine Figur brennt, dann kann das fatale Auswirkungen für diese Figur haben. Das ist jedem Leser unmittelbar klar, auch wenn er keine weiteren Informationen über eine Geschichte besitzt. Für ein intensives Spannungserlebnis braucht der Leser also kein spezielles Wissen.

Darüber hinaus gibt es negative Konsequenzen, die nur in einem Text bestehen. Das ist häufig bei Fantasy-Geschichten wie Der Herr der Ringe der Fall. Außerhalb dieser Saga hätte es keine negativen Auswirkungen, wenn jemand einen Ring weiterhin am Finger trägt statt diesen in ein Feuer zu schmeißen.

Der Leser muss also darüber informiert werden, welche Gefahr besteht und wie sie gelöst werden kann. Er muss wissen, dass die Mission von Frodo dazu dient, die Welt zu retten und, dass es gefährlich ist. Der Autor muss das dafür notwendige Wissen übermitteln. In dem Buch übernimmt der Zauberer Gandalf diese Funktion.

Spannung Die Säulen der Erde

Er klärt die Figuren darüber auf, welche Gefahren bestehen und welche Rolle der Ring dabei spielt.

Negative Konsequenzen werden nicht nur in Fantasy-Romanen explizit in einen Text eingeführt. In dem historischen Roman Die Säulen der Erde hat ein Dieb einem Maurer sein Schwein gestohlen. Das ist zwar ärgerlich, aber eigentlich nicht so schlimm, so könnte man meinen. In dem Roman allerdings hängt das Überleben des Maurers und seiner Familien von dem Schwein ab. Ohne das Tier verhungern sie, was der Text uns verdeutlicht.

Ein Text kann negative Konsequenzen auch durch Verbote und Warnungen explizit etablierten. In dem Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage will eine der Hauptfiguren in einem Hotelzimmer eine Abtreibung durchführen lassen. Im Rumänien unter Diktator Nicolae Ceausescu kommen Menschen mehrere Jahre ins Gefängnis, wenn sie erwischt werden. Das erfährt der Zuschauer aus dem Film.

Menschliche Urängste ausnutzen

Menschliche Urängste führen zu diffusen Gefahren: Szenen, die nachts im Keller, im Wald oder auf unbekanntem Gelände spielen, führen zu Spannung. Diese unheimlichen Grundsituationen ergeben sich durch Urängste, die Zuschauer und Leser aus ihrem Alltag kennen. Wer geht schon gerne alleine nachts auf einen Friedhof?

Zuvor musste im Text auch keine andere negative Konsequenz eingeführt werden. Sobald so eine Passage auftaucht, wird es unheimlich und spannend. Sie führt zu einer grundsätzlichen Angst vor etwas Unspezifischem.

Sollte ein Protagonist mit einer solchen Grundsituation konfrontiert sein, nachdem ein Antagonist eingeführt wurde, so glaubt der Leser oder Zuschauer, dass irgendeine Gefahr besteht, die mit dem Antagonisten im Zusammenhang steht. Spannung Herr der Ringe
Ist der Protagonist auf einem Friedhof unterwegs, dann könnte er dort überall vom Antagonisten oder dessen Leuten überrascht werden.

Auch eingeschränkte Sinne und ausgelieferte Figuren in Gefahrensituation können die Spannung dann verstärken. In Der Herr der Ringe verbanden andere Figuren den Hobbits die Augen, um sie in ihr geheimes Versteck zu bringen. Obwohl wir die anderen Figuren inzwischen kennen, bleibt eine Restunsicherheit. Vielleicht wollen sie den beiden Hobbits doch etwas Böses.

Einen ähnlichen Fall gibt es in 24, Jack Bauer verfolgt einen der Gegner auf einer industriellen Anlage. Es ist so laut, dass Bauer akustische Reize nicht nutzen kann, um die Antagonisten aufzuspüren. Der Flüchtende könnte ihn von hinten überraschen, bevor Jack Bauer sich wehren kann. Zudem wird er von starken Industrie-Strahlern geblendet. Wenn der Verschwörer ihn in einem solchen Augenblick angreift, dann sieht es ebenfalls schlecht um Jack Bauer aus.

Allein-Sein. In der deutschen Netflix-Serie Dark gehen ständig Figuren allein in eine dunkle Höhle oder in eine Art Bunker. Mitten in der Nacht im Wald, dass sie es allein machen, verstärkt die Spannung.

Unmittelbarkeit der Gefahr

Der Rezipient muss immer glauben, dass die negative Konsequenz sich akut realisieren kann, jetzt. Eine negative Konsequenz, die weit in der Zukunft lauert, wirkt nicht.3

Manche Drehbuchratgeber empfehlen, wenn möglich ein Deadline einzubauen wie eine Zeitbombe. Die Gefahr sollte eine geringe zeitliche und räumliche Distanz aufweisen. Sie soll akut sein.

Die Geschichte kann die Gefahr stufenweise abbauen. Am Anfang von Scream ruft ein Mann bei der Highschool-Schülerin Casey Becker an. Im Verlauf des Gesprächs erfahren das Mädchen und der Zuschauer, dass der Anrufer sie töten möchte und dass er sich schon vor ihrem Haus befindet. Der Mord steht unmittelbar bevor.

  1. Zillmann (1980), S. 136
  2. Vgl. Wulff (1993), S. 326, 330–331
  3. Carroll (1996), S. 101